Sonntag, 13. November 2016

Mittelmäßig, doch es wirkt lange nach

Am Strand von Ian McEwan / Diogenes Verlag / 208 Seiten

Um was geht es:
Das Schlimmste am Heiraten ist die Hochzeitsnacht. Zumindest für Edward und Florence, 1962 im prüden England. Begierde und Befangenheit, Anziehung und Angst sind miteinander im Widerstreit in der Hochzeitssuite mit Blick aufs Meer. Die Nacht verändert das Schicksal der Liebenden – für immer.

Meine Meinung: (Achtung ich spoilere hier den Verlauf der Geschichte)

Ian McEwan ist ein Autor, der es immer wieder schafft, dass seine Bücher bei mir nachhallen. Nach dem Lesen denke ich oft noch lange nach, lese einzelne Abschnitte immer wieder und diskutiere auch gerne mit meinen Freunden über den Inhalt.
McEwan schafft es hier aus etwas Alltäglichen wie die ersehnte Hochzeitsnacht zwischen zwei Liebenden mehr zu machen, etwas was anfangs gar nicht mal so klar ist.
Ich fing an das Buch zu lesen und fand es mittelmäßig, die Charaktere stellten sich an, überaus unbeholfen und was mir immer mehr auf die Nerven ging, sie redeten nicht miteinander. Alles läuft in ihren jeweiligen Köpfen ab, sie denken, machen sich Gedanken... teilen das aber nicht mit dem Partner. Es ist also kein Wunder, dass sich am Ende ein Streit abzeichnet.
Wir haben den Ehemann mit wenig Erfahrung, der endlich seine Frau lieben möchte und seine Ehefrau mit falschen Vorstellungen?! Ist sie prüde, oder sogar frigide? Warum geht sie die Ehe ein, wenn sie sich vor jedem männlichen Wesen doch so ekelt?
Ist es gar keine Liebe? Viele solcher Fragen gingen mir im Kopf herum, ich muss gestehen, dass mir der arme Mann leid tat. Hat seine Frau ihn unter falschen Tatsachen und unter anderem Grund in den Ehehafen gelockt? Ich kann hier schon sagen, nein. Wie sie sich kennenlernen und verlieben und wie ihre Leben so war, wird in viele Rückblenden von ihr und ihm erzählt.
Also geht es hier tatsächlich um Liebe! Beide lieben sich sehr und ergänzen sich wundervoll, doch die Frau hat ein Geheimnis. Der Grund, warum sie sich so vor Männer ekelt, ist, dass ihr Vater sie als Kind missbraucht hat. Ein einschneidendes Erlebnis, das sie nie jemandem anvertraut hat. (Diese Tatsache wird nur ganz kurz nebenbei in einer Rückblende geschildert.) Doch nun kann sie es nicht mehr verdrängen und gerät im entscheidenden Moment in Panik und rennt weg. Er interpretiert das falsch und ... es kommt am Strand zum Streit, Worte fliegen hin und her, schlimme Dinge werden gesagt. In diesem Streit gibt es auch einen Moment, wo sie sagt, sie solle sich doch in Therapie begeben... in dem Moment ein Scherz! Oder doch nicht? Ein Hilferuf?! In Rage geredet, trennen sie sich wütend und lassen sich scheiden, ohne dass es nach dem Streit noch zu einer Unterhaltung gekommen wäre.
Die beiden Herrschaften machen es sich da einfach. Sie schweigen!!!!
Am Ende leben beide ein Leben, das ohne den anderen so unausgefüllt und leer ist und schweigen noch immer.

Fazit:

Es ist ein gutes Buch, das nachwirken muss. Es ist nicht das beste Buch von Ian McEwan und doch sehr interessant und auch wieder sehr tragisch.

3,5 Sterne von mir